Wird Virtualität immer realer?

DSC00658 - KopieMeine Sinne sind komplett eingenommen. Klar, wenn ich darauf achte, merke ich schon, dass ich auf einem Stuhl sitze und mir der Wind durch das geöffnete Fenster in mein Gesicht weht. Doch es ist so leicht, sich ganz dem hinzugeben, was Augen und Ohren mir vorgaukeln: Ich bin irgendwo im Ozean, vor mir liegt ein Schiffswrack, überwuchert von Wasserpflanzen und belebt von Wassertieren aller Art und Couleur. Wenn ich mein Kinn gen Himmel recke, sehe ich nichts als Wasser – nur ganz oben schimmert kaum wahrnehmbar etwas Sonnenlicht durch das tiefe Dunkel…

Als plötzlich jemand hinter mir spricht, schrecke ich auf. Ich drehe mich auf meinem Drehstuhl um hundertachtzig Grad. Direkt vor meinem Gesicht steht eine Frau und schaut mich fragend an. Ich drehe mich wieder zurück: Weg ist der Ozean, stattdessen stehe ich in einem Schlafzimmer. Als links von mir ein Knall ertönt, reicht es mir: Ich klappe einen meiner Kopfhörer nach oben, um wieder mehr von der wirklichen Realität mitzubekommen, und weniger von der virtuellen.

Auch wenn die Wenigsten bereits selbst einmal ausprobiert haben, sich der wichtigsten Sinne beraubt in ein computergeneriertes Leben zu stürzen, ist der Hype um die virtuelle Realität (VR) keineswegs neu. Bereits 1992 sprachen Wissenschaftler davon, VR würde bald zum Alltag der meisten Menschen gehören. Obwohl es soweit noch immer nicht ist, stehen die Chancen für Firmen wie Oculus VR (übernommen von Facebook) und Microsoft heute gut: Nicht nur die Spieleindustrie setzt auf VR, auch in Filmen, bei Videotelefonaten, im Sport, in der Kunst, für Trainings aller Art und in der Bildung soll die virtuelle Realität in Zukunft vermehrt mitmischen. Natürlich wird sie auch für das Marketing zunehmend interessant, schließlich kann das virtuelle Erlebnis sehr intensive Emotionen auslösen. Sind VR-Brillen erstmal einer größeren Zielgruppe zugänglich, können Menschen durch sie gezielt beeinflusst werden. Das Ziel der Entwickler: die hundertprozentige Immersion.

Ein Realitätsverlust auf Zeit also, Interaktion mit Vorgetäuschtem – ist das wirklich, wonach sich der moderne Mensch auf Dauer sehnt? (HM)

New Fakes gefällig?

Fake News free to useFluch und Segen – wie jeder große Gesellschaftswandel bringt auch die Digitalisierung ihre positiven und negativen Seiten mit sich. Im Bereich der Nachrichten ist das Ausmaß der Informationsflut, die sich von den Bildschirmen über uns ergießt, ungeheuer geworden. Ungeheuer wichtig; trägt sie doch zu einer differenzierten Meinungsbildung und einem neuen politischen Aktivismus bei. Bequem auf der Couch werden Videos über unzumutbare Zustände angesehen, Statistiken geteilt und mit wenigen Klicks wird direkt noch zu einer Demonstration zum Thema aufgerufen. Ungeheuer einfach; und damit ungeheuer gefährlich.

Die Nachrichtenerstattung gehört zu den Grundpfeilern eines Gesellschaftssystems. Ändert sie sich, hat das Auswirkungen auf die Gesellschaft.

fakebook free to useUrsprünglich war eine „Nachricht“ eine Anweisung, nach der es sich zu richten galt. Die man unreflektiert hinnahm und befolgte, denn sie kam von oben. Auch heute werden Nachrichten meist unreflektiert hingenommen, allerdings aus anderen Gründen: Wir gehen davon aus, dass der oberste Anspruch einer Nachricht, die Faktizität, immer gewahrt bleibt. Was aber, wenn der Sender einer Nachricht genau diese Glaubwürdigkeit ausnutzt? Wenn „alternative Fakten“ von höchsten Autoritäten gestreut werden?

Das Konzept der Falschmeldungen ist kein neues. Nur gibt die Digitalisierung nicht nur Personen des öffentlichen Lebens, sondern ausnahmslos jedem Internetuser die Macht in die Hand, falsche Informationen schnell und weit zu verbreiten.

Der englische Ausdruck „Fake News“ wurde 2016 zum Anglizismus des Jahres gekürt und war 2017 in der engen Auswahl für das Unwort des Jahres. Er fasziniert durch die Verbindung von gegensätzlichen Konzepten zu einem neuen Konstrukt: Während die „News“ gerade durch ihren Wahrheitsanspruch definiert sind, wird dieser Anspruch durch das Attribut „Fake“ direkt revidiert.

Die Problematik des Begriffs entsteht aus der Reihenfolge der beiden Wörter: Wenn Fakten auch als „alternativ“ beschrieben werden, bleiben sie doch in unserer Wahrnehmung immer noch Fakten und damit zunächst glaubwürdig.

Stolpert man in den sozialen Medien wieder einmal über interessant anmutende Statistiken, sollte man sich also fragen: News or New Fakes? (HM)